Verfasser:
Thomas Wüst
Beitrag teilen:

Comeback der Anleihen: Effektivverzinsung schlägt Dividendenrendite

Noch vor einem Jahr lag die Rendite der 10-jährigen Bundesanleihe im negativen Bereich. Heute erzielt man damit immerhin eine jährliche Rendite von ca. 2,14 %. Keine Frage: Dieser Wert liegt noch deutlich unter der aktuellen Dividendenrendite des DAX, die bei ca. 3,5 % liegt. Doch anders sieht es bei Unternehmensanleihen von Emittenten guter Bonität aus.

So liegt beispielsweise die durchschnittliche Effektivverzinsung des Bloomberg Euro Corporate Bond Index mittlerweile bei ca. 4 %. Der Index enthält nur Euro-Anleihen von Unternehmen mit Investment Grade Rating mit einer durchschnittlichen Restlaufzeit von ca. 5 Jahren.

Wer gar einen längeren Anlagehorizont mitbringt, kann sich aktuell mit Unternehmensanleihen guter Bonität auch höhere Rendite von 5 bis 8 % p.a. sichern. Doch Vorsicht: Risikostreuung ist nicht nur bei Aktienanlagen äußerst wichtig, sondern auch bei Unternehmensanleihen, bei denen man auch unternehmensspezifische Risiken trägt – jedoch nur als Fremdkapital- und nicht als Eigenkapitalgeber.

Natürlich resultiert daraus der Nachteil, dass man als Anleihegläubiger i.d.R. nicht am Unternehmenserfolg partizipiert. Aber man hat mit Fremdkapital eben auch ein höheres Sicherheitsniveau als mit Eigenkapital, was in den aktuell ach so turbulenten Zeiten kein zu vernachlässigender Aspekt sein sollte.

Umso erstaunlicher ist es, wenn in so manchen Medienberichten nach dem Kurssturz Aktienanlagen als günstig und empfehlenswert eingestuft werden, während man bei Unternehmensanleihen noch vorsichtig sein sollte. Klar: Im Falle eines weiteren Renditeanstiegs können die Kurse von Unternehmensanleihen noch weiter unter Druck geraten, was aber denjenigen egal sein kann, deren Anlagehorizont mit der Restlaufzeit einer Anleihe korrespondiert. Denn im Falle der Solvenz des Emittenten werden Anleihen bei Fälligkeit zu 100 % zurückbezahlt. Da sind unterjährige Schwankungen genauso verkraftbar, wie sie es Aktionär*innen, die einen deutlich längeren Anlagehorizont benötigen, auch sein sollten.

Wenn man dann bei der Zusammenstellung eines Anleiheportfolios den Grundsatz der Risikostreuung nicht nur bei den Emittenten befolgt, sondern auch beim Wiederanlagerisiko, d.h. bei der Fälligkeitsstruktur, dann reduziert man zusätzlich seine Abhängigkeit von der künftigen Rendite- bzw. Inflationsentwicklung. Wer sich also vor Jahren darüber geärgert hat, wegen geringer Renditen keine Anleihen kaufen zu können, der sollte sich aktuell, sofern es die individuellen Risikotragfähigkeitsaspekte zulassen, darüber freuen, dass es in dem Segment wieder attraktive Renditen gibt.

Und man sollte nicht der „Bauernschläue“ aufsitzen, dass ja die Realrendite dieser Anleihen aktuell negativ sei. Wie sich die Inflationsrate in den nächsten Jahren, also ex-ante, entwickelt weiß niemand. Und das ist die entscheidende Größe zur Bestimmung der Realrendite von Anleihen. Diese lässt sich nämlich nur ex-post exakt berechnen und nicht ex-ante prognostizieren. Es sei denn man hat eine Glaskugel. In dem Fall wären Aktien aber ohnehin lukrativer, haben diese langfristig doch höhere Schwankungen als Anleihen von Emittenten guter Bonität. Mit denen schläft sich´s aber viel besser. Getreu dem Motto: Keep calm and collect interest!

Thomas Wüst, 01.11.2022