Verfasser:
Thomas Wüst
Beitrag teilen:

Haben Sie Lanz geguckt?

Wenn Sie grundfalsche Thesen im Kopf haben, dass Deutschland alleine im Juni 200.000 Jobs verloren habe, oder dass Verdachtsberichterstattung stets frei von Zweifel zu erfolgen habe, dann haben Sie in dieser Woche vermutlich Markus Lanz geguckt. Wenn Sie sich selbst hinterfragen, ob Sie sich zu Unrecht über die Äußerung von Merz im Sommerinterview empört haben, dass man mit einer in großen Teilen gesichert rechtsextremen Partei auf kommunaler Ebene zusammenarbeiten müsse, dann ist die Wahrscheinlichkeit auch groß. Und wenn Sie sich die Frage stellen, wie sehr arme deutsche Bands unter den Anschuldigungen der metoo-Bewegung leiden, obwohl sie weiterhin die Konzerthallen füllen, dann vermutlich auch.

Ich habe mir nach der Sommerpause in der vergangenen Woche zwei Folgen von Markus Lanz angeschaut, da es mich interessiert hat, ob die Pause dazu genutzt wurde, zu experimentieren, also was Neues auszuprobieren. Aber diese Frage wurde von einem Format schnell beantwortet, das von den kommerziellen Firmen Mhoch2 TV-Produktionsgesellschaft mbH & Co. KG und Fernsehmacher GmbH & Co. KG längst auf Effizienz eingeschliffen wurde. Experimente würden den Gewinn dieser Firmen schmälern, da greift man lieber auf „altbewährtes“ zurück. Es hat sich nichts geändert.

Was mir jedoch aufgefallen ist, welches Agenda Setting im Sinne einer Diskursverschiebung der Moderator Markus Lanz mittlerweile ganz unverhohlen betreibt. In welche Richtung er den Diskurs verschieben möchte, wird an den oben aufgeführten Beispielen – und seien Sie versichert, Sie finden davon in den Sendungen noch viel mehr – deutlich. Es geht darum, dass Empörungspotenziale, die für die kommerzielle Aufmerksamkeitsgenerierung so wichtig sind, noch weiter ausgeschöpft werden können. Es geht darum, dass Protagonisten, die in seiner Sendung mit polarisierenden Äußerungen auffallen, wie beispielsweise Merz mit seiner Pascha-Äußerung, gar mittels zurechtgeschnittenen Einspielern geschützt werden. Wenn Unsagbares sagbar gemacht wird, wenn aus Tätern plötzlich Opfer werden, dann ist einem kommerziellen Format wie Markus Lanz die Quote sicher.

Inwieweit ein solches Sendungsformat mit der Satzung des ZDF korrespondiert, in der es heißt, dass die Angebote „dabei vor allem die Zusammengehörigkeit im vereinten Deutschland fördern sowie der gesamtgesellschaftlichen Integration in Frieden und Freiheit und der Verständigung unter den Völkern dienen“ sollen, müssen die Verantwortlichen des ZDF und des ZDF-Fernsehrats mit sich ausmachen.

Schädlich für unsere Demokratie und Gesellschaft finde ich ganz persönlich, dass Markus Lanz es geschafft hat, sich weitestgehend vor substanzieller Medienkritik in unserem Land zu immunisieren, indem er regelmäßig Medienschaffende zu sich einlädt. Und seien wir ehrlich: Welcher Medienschaffende möchte sich seinen Platz bei einer reichweitenstarken TV-Sendung wie Lanz schon gefährden, wenn er zu kritisch über dieses kommerzielle Format berichtet, das meiner Meinung nach im öffentlich-rechtlichen Rundfunk schon alleine konzeptionsbedingt nichts zu suchen hat?